Sieben Maßnahmen für schnellere Fortschritte in der Krebsbehandlung

Wertvolle Informationen aus dem Versorgungsalltag von Krebspatienten werden noch immer zu wenig für weiteren medizinischen Fortschritt genutzt. Ein Gutachten des IGES Instituts zeigt, woran dies liegt und wie dieses Wissenspotenzial besser ausgeschöpft werden kann, um die Versorgung von Krebspatienten weiter zu verbessern. Es schlägt konkrete Maßnahmen zu sieben Handlungsfeldern vor, die an vielen Stellen Hindernisse abbauen sollen. Dazu gehören ein schnellerer Zugang zu Innovationen, bessere Nutzung von Versorgungsdaten, schnellerer Transfer neuer Erkenntnisse in den Versorgungsalltag, mehr Kooperation sowie stärkere Beteiligung von Patienten.

Titel der Studie: Die „Wissen generierende onkologische Versorgung“ im Sinne der Vernetzung von Versorgung und Forschung

Hintergrund: Die Nationale Dekade gegen Krebs (NDK) ist eine 2019 gestartete Initiative der Bundesregierung zur Krebsprävention und Verbesserung der onkologischen Versorgung. Das vorliegende Gutachten soll die NDK dabei unterstützen, Konzepte für die bessere Vernetzung von Forschung und Versorgung zu entwickeln. Ziel ist es, sowohl den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis zu beschleunigen als auch Versorgungsdaten gezielt für neue Forschungsfragen nutzbar zu machen.

Fragestellungen: Wie kann eine Wissen generierende onkologische Versorgung konzeptionell aussehen und welche Rahmenbedingungen sind dafür ideal? Was hemmt derzeit den wechselseitigen Wissens- und Datenfluss zwischen Forschung und Versorgung? Wie kann dieser verbessert werden?

Methode: Befragungen von Vertretern aus Forschung, Versorgung, medizinischen Fachgesellschaften und Patientenorganisationen; vertiefende Fokusgespräche; Literatur- und Internetrecherchen; Analyse internationaler Best-Practice; Einbindung eines Expertenrates

Ergebnisse: Erkenntnisse und Daten aus dem Versorgungsalltag werden zu wenig für den medizinischen Fortschritt in der Onkologie genutzt. Das Gutachten nennt sieben Handlungsfelder, um Hemmnisse abzubauen: schnellerer Zugang zu Innovationen, besserer Zugang und Nutzung von Versorgungsdaten, Lernstärkung der Onkologie, mehr Kooperation und Patientenbeteilung, Evaluation der Wissensgenerierung.

Autoren: Dr. Stefan Loos, Dr. Martin Albrecht, Dr. Monika Sander, Prof. Dr. Bertram Häussler Mattias Kyhlstedt

Auftraggeber: Bundesministerium für Gesundheit

Schlagwörter: Onkologie, Forschung, Wissen generierende onkologische Versorgung, Versorgungsdaten

Veröffentlichung: März 2025

Berlin, 23. Februar 2026 (IGES Institut) – Ziel des IGES-Gutachtens war es, Wege aufzuzeigen, wie Deutschland eine sogenannte „Wissen generierende onkologische Versorgung“ etablieren kann. Dabei geht es um die Generierung von Wissen während und durch onkologische Behandlungen im Versorgungsalltag. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Nutzung von Versorgungsdaten.

Die Untersuchung entstand im Auftrag und durch Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) und soll die Arbeit der 2019 initiierten Nationale Dekade gegen Krebs (NDK), welche federführend vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geleitet wird, unterstützen. Das BMG leitet zusammen mit der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG e. v.) innerhalb der Nationalen Dekade gegen Krebs die Arbeitsgruppe „Wissen generieren durch Vernetzung von Forschung und Versorgung“.

Deutschland fällt als Standort für klinische Studien zurück

Basis war eine Bestandsaufnahme, wie stark Forschung und onkologischer Versorgungsalltag derzeit miteinander vernetzt sind oder eben nicht. Dafür befragte das IGES Institut fast 700 Expertinnen und Experten aus Forschung, Versorgung, medizinischen Fachgesellschaften und Patientenorganisationen und recherchierte in der aktuellen Fachliteratur.

Deutlich wurde etwa, dass in Deutschland im internationalen Vergleich zwar medizinische Innovationen schnell auf den Markt kommen, insgesamt aber Defizite bei klinischen Studien und beim Off-Label-Use bestehen: So wurden etwa laut einer IGES-Auswertung in Spanien im Jahr 2023 insgesamt 251 klinische onkologische Studien durchgeführt, während es in Deutschland nur 154 waren.

Bei der Anzahl klinischer Studien in der Onkologie nehmen die USA noch immer eine führende Position ein, relativ dicht gefolgt von China. In den Jahren 2013 bis 2023 nahm die Zahl der klinischen Studien in China um fast das 7-Fache zu, während sie in Deutschland um 13 Prozent abnahm.

Als Ursache für den internationalen Rückfall Deutschlands nannten die Befragten vor allem die Rahmenbedingungen für klinische Studien in Deutschland: Für rund 88 Prozent stellen die hohen bürokratischen Anforderungen ein starkes Hemmnis dar, für rund 79 Prozent fehlende Finanzierungsmöglichkeiten für klinische Studien, beispielsweise über nicht-medikamentöse Therapien.

Zugang zu innovativen onkologischen Behandlungsoptionen eröffnen

Beim Off-Label-Use, also dem zulassungsüberschreitenden Einsatz von Arzneimitteln, der in der Onkologie eine wichtige Rolle spielt, hemmen laut den Experten komplexe Antragsverfahren, unsichere Rechtslagen und lange Bearbeitungszeiten den Einsatz.

Beides bedeutet, dass weniger Krebspatienten vom Zugang zu innovativen Behandlungsmethoden oder von der Möglichkeit, an innovativen Studien teilzunehmen, profitieren. Das erschwert wiederum nicht nur die Entwicklung neuer Therapien, sondern auch deren breiten Einsatz. Schnellerer Zugang zu neuen Therapieoptionen stellt daher eine der Empfehlung der Gutachter dar.

Sie schlagen vor, die Transparenz bezüglich Häufigkeit, Setting und Wirksamkeit des Off-Label-Use zu erhöhen und eine umfassende Qualitätssicherung zu etablieren, die Struktur- und Prozessqualitätsanforderungen für Leistungserbringer und Kostenträger entwickelt sowie Unterstützungsstrukturen für die Antragstellung ausbaut.

Bei klinischen Studien sollen datenschutzrechtliche Prüfungen vereinfacht und beschleunigt, Flexibilisierungsmöglichkeiten beim Studiendesign und der Durchführung geprüft und die Patientenrekrutierung erleichtert werden, etwa durch bundesweite Kontaktmöglichkeiten im Rahmen der Krebsregistrierung.

Potenziale von Versorgungsdaten aus dem Behandlungsalltag besser nutzen

Ein weiteres Defizit für schnelleren Fortschritt in der Onkologie sehen die Gutachter bei der Nutzung von Versorgungsdaten. Deren Potenzial etwa zur Therapiesteuerung, Qualitätssicherung oder Forschung wird bisher zu wenig genutzt. Um die Daten künftig stärker nutzen zu können, sind vereinfachte Antragsverfahren, KI-gestützte Datenaufbereitung und -analysen sowie eine gezielte Förderung von auf Versorgungsdaten basierenden Studien zu offenen Forschungsfragen nötig, beschreibt ein zweiter Block von Empfehlungen.

Die Gutachter schlagen ferner vor, Versorgungsdaten nach den FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) besser zu nutzen. Als konkrete Lösungsansätze werden die bundesweite Zusammenführung der Krebsregisterdaten oder die effiziente Nutzung von GKV-Abrechnungsdaten über das Forschungsdatenzentrum (FDZ) Gesundheit am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vorgeschlagen. Zudem sollen rechtliche und organisatorische Voraussetzungen für einen gemeinsamen Identifikator wie die Krankenversicherungsnummer geschaffen und ein Konzept für die umfassende Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) in der Onkologie entwickelt werden.

Onkologische Versorgung sollte lernfähiger werden

Generell sollte die onkologische Versorgung lernfähiger werden – neue Erkenntnisse schneller in den Behandlungsalltag bringen, lautet die Empfehlung zum vierten Handlungsfeld. Dafür müssten Kooperationsnetzwerke systematisch ausgebaut und durch einheitliche Finanzierung gestärkt werden. Ferner sind eine effektivere und effizientere Gestaltung der Qualitätssicherung, die systematische und vor allem schnellere Weiterentwicklung der Leitlinien und ihrer Umsetzung im Versorgungsalltag sowie eine zeitnahe Schulung von Versorgenden nötig.

Krebspatienten stärker einbeziehen

Als fünften Bereich von Maßnahmen schlagen die Gutachter vor, Patienten stärker als Wissensträger und Datenspender beteiligt werden. Gezielte Weiterbildungen für Patienten und Schulungen für Forscher werden empfohlen. Patienten sollten eine digitale „onkologische Patientenakte“ mit Vergleichswerten von anderen Patienten und aus Leitlinien abgeleitete Qualitätsindikatoren erhalten.

Mehr konzertierte Rahmensteuerung gefordert

Mit weiteren Maßnahmen sollten mehr kooperative Steuerungsansätze etabliert werden. Dies beinhaltet beispielsweise die Fortsetzung konzertierter Rahmensteuerung auf Bundes- und Länderebene zur Vermeidung von Dopplungen und die Intensivierung kooperativer Verwaltung im regulatorischen Bereich der Zulassung und Erstattung. Gleichzeitig bleiben hoheitliche Eingriffe wichtig, etwa zur Vereinheitlichung der Krebsregistergesetze der Länder oder zur Vereinfachung datenschutzrechtlicher Prüfungen.

Schließlich beziehen sich die Maßnahmen des siebten Handlungsfelds auf eine systematische Evaluation der Wirksamkeit von Wissensgenerierung. Konkret sollen alle wissensgenerierenden Strukturen wie onkologische Netzwerke und Krebsregister bezüglich ihrer Auswirkungen auf Versorgungsqualität, Überlebenschancen und Lebensqualität evaluiert werden. Im Rahmen der Zertifizierung onkologischer Zentren sollen weitere Indikatoren zur Wissensgenerierung erhoben werden, etwa zu versorgungsdatenbasierten Studien oder qualitätsgesichertem Off-Label-Use.

Das Fazit der Gutachter: Das Konzept der Wissen generierenden onkologischen Versorgung zeigt großes Potenzial zur Qualitäts- und Outcomeverbesserung. Es wird jedoch durch strukturelle und systemische Rahmenbedingungen derzeit noch zu sehr ausgebremst. Das vorgelegte Konzept mit konkreten Maßnahmen zu sieben Handlungsschwerpunkten kann dazu beitragen, dies zu ändern.

Forschung Onkologie